Nachdem ich zuletzt mal über Zahlen gelabert habe ist mir noch was eingefallen: die Nichtgreifbarkeit abstrakter Dinge. Zahlen sind nun mal in erster Linie nicht mehr als einfach nur Zahlen. Menschen denken vergleichend - wenn wir nicht "erlebt" haben, wie viel zum Beispiel zwei Meter sind, wüssten wir damit nicht all zu viel anzufangen, es wäre für uns einfach nicht greifbar.

Ein Zitat von Douglas Adams aus dem Anhalter passt hier ganz gut:

Der Weltraum, heißt es, ist groß. Verdammt groß. Du kannst dir einfach nicht vorstellen, wie groß, gigantisch, wahnsinnig riesenhaft der Weltraum ist. Du glaubst vielleicht, die Straße runter bis zur Drogerie ist es eine ganz schöne Ecke, aber das ist einfach ein Klacks, verglichen mit dem Weltraum.

Ähnlich ging es mir mal auf dem Indemann, eine Aussichtsplattform aus Stahl mit viel Gitter um durch meine Füße auf den Boden runterschauen zu können. Mir war bis auf etwa 10 bis 15 Meter Höhe schwummerig und mein Herz Pochte, aber je höher ich kam, desto ruhiger wurde ich. Im Nachhinein ist mir klar, warum: Ich wusste, dass es weh tun kann, wenn man von einem Meter Höhe auf den Boden fällt. Ich kenne das Gefühl der kurzen Schwerelosigkeit, das man hat, wenn man vom 3-Meter-Turm im Schwimmbad herunter springt, und ich konnte mir vorstellen, wie scheiße weh es tun muss, wenn man nicht ins Wasser springt, sondern auf festen Boden. Ich konnte mir also immer noch bis zu einer gewissen Höhe vorstellen, dass es nicht so wirklich angenehm sein würde, wenn ich jetzt da runterfallen würde.

Aber dann? Dann habe ich zwar noch die Zahlen gelesen, wie hoch ich da eigentlich bin, aber es waren halt nur Zahlen. Der Boden und die Menschen unter mir wurden immer kleiner, und wurden abstrakt für meinen Verstand. Ich konnte mit einer solchen Höhe kein Gefühl mehr verbinden, ich hatte nichts vergleichbares erlebt.

Ein ähnlicher Fall ist mir vor nicht all zu langer Zeit mit zwei mir sehr wichtigen Menschen passiert. Beide erlitten zusammen einen Unfall. Die erste Person war effektiv (nicht medizinisch) schon am Unfallort tot, die andere Person lag anschließend drei Wochen im Koma mit einer Überlebenschance von 10%. Ich klammerte mich an die 10% und habe immer gedacht, das ist genug, das ist zweistellig, obwohl das natürlich eine verschwindend geringe Chance war. Wenn ich mir allerdings vorgestellt hätte, dass um mich herum 10 Menschen stehen, und 9 davon werden sterben, dann hätte ich das vielleicht realisiert. Ich hätte mich drauf einstellen können.

Aber auf was denn? Den Verlust eines mir nahe stehenden Menschen hatte ich vorher noch nie erlebt. Klar, ich habe Kontakte verloren, aber die waren nicht für immer weg. Wenn ich gewollt hätte, hätte ich sie erreichen können. Die absolute Endgültigkeit hatte ich so halt noch nicht erlebt und ich hatte auch keine ähnlichen Erfahrungen gesammelt. Das alles war so weit außerhalb meines Verstandes, dass ich Monate gebraucht habe, um es irgendwie zu realisieren.

Zahlen und Realität sind zwei sehr verschiedene Dinge, und gleichzeitig sind sie es auch nicht. Und wenn Menschen Fakten um die Ohren gehauen werden, greift etwas ein, das ich gestern abend mal als arrogant-egomanisches Verhalten benannt habe. In der schwächeren Form ist das dieser Selbstschutz vor Fakten, die man einfach nicht hören will, in der stärkeren Form sind das Schwurbler, Verschwörungstheoretiker, und ähnliches. Und jeder von uns trägt sowas in sich.

Aber wie komme ich zu dieser Ansicht?

  1. Menschen hören gerne, was sie selbst bestätigt, und ignorieren gerne, was ihre Ansichten als falsch darstellt. Das ist der ignorante, der arrogante Anteil, der Teil eines Menschen, der ignoriert, was nicht in seinen Kram passt.
  2. Das Ego eines Menschen möchte gestreichelt werden. Man will sich gut fühlen, nicht schlecht. Das ist der egomanische Anteil am Ganzen.

Persönlich habe ich nicht all zu viel mit Verschwörungstheoretikern oder Schwurblern zu tun, allerdings tauchen gerade in Krisenzeiten wie Corona viele von denen auf. Krisen laufen deren Ego gegen den Strich, denn es könnte ihnen ja etwas schlimmes widerfahren. Wesentlich besser fühlt sich das Ego, wenn man ein Alphatier ist, an der Spitze steht, Menschen anführt und leitet, und das versuchen Schwurbler natürlich. Sie versuchen, andere von ihren Überzeugungen zu überzeugen, sie anzuleiten, der rettende Leuchtturm auf stürmischer See zu sein. Das befriedigende Gefühl, das man haben kann, wenn man anderen Menschen die Augen öffnet, sollte eigentlich jeder von uns kennen. Es streichelt das Ego.

Wenn dann allerdings noch der arrogante Teil hier mit reinspielt, der Teil von uns, der über den Fakten steht, der alles abwehrt, was dem Ego schaden könnte, dann haben wir einen Schwurbler. Mit solchen Leuten kann man nicht diskutieren, denn sie ignorieren ja die Fakten, die ihr Ego kränken.

Insofern war ich vor einiger Zeit auch selbst ein Schwurbler. Ich habe die Fakten ignoriert, 10% sind nun mal große Scheiße, und ich habe nicht nur mir selbst sondern auch anderen eingeredet, dass das doch ganz gut aussieht. Es war ein gutes Gefühl, anderen Hoffnung zu machen, sie anzuleiten. Und ich hätte nichts an mich heran gelassen, was meiner Überzeugung geschadet hätte.

In Krisenzeiten schützt man nicht andere, man schützt sein Ego. Und wenn Menschen in solchen Zeiten andere Menschen schützen, streichelt das ihr Ego - sofern ihr Ego nicht arrogant ist. Wenn ich mir anschaue, wie Menschen in Zeiten von Corona reagieren, und mir dann meine Vorstellung vom arrogant-egomanischen Menschen vor Augen halte, kann ich viel nachvollziehen.

Das Schicksal tausender von Menschen ist nicht erfassbar. Das ist eine verdammt große Zahl die über den eigenen Verstand geht, wir können nicht das Schicksal eines jeden einzelnen Menschen erfassen. Wir sehen die Zahlen, aber können nichts mit ihnen verbinden, solange die Zahlen so groß oder so klein sind. Ich persönlich breche das Problem dann immer auf etwas herunter, was ich mir vorstellen kann - sei es nun, dass 9 von 10 Menschen um mich herum sterben, oder sei es eben, dass ich durch meine Heimatdorf laufe, und überall nur Tote rumliegen. Denn die aktuelle Zahl der Toten entspricht ungefähr der Einwohnerzahl im Dorf. Trotzdem hinkt der Vergleich, denn die Zahl der Toten ist auf Deutschland gerechnet noch nahezu verschwindend gering.

Für mich ist das alles noch sehr distanziert, noch sehr weit entfernt, und da bin ich nicht der einzige. Aber spätestens dann, wenn die Realität für uns greifbar wird, weil Menschen in unserer unmittelbaren Umgebung erkranken und sterben, wird das für uns sehr real.

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